Die Tiroler Wirtschaftskammer erhebt halbjährlich im Zuge ihres Top Tirol Konjunkturbarometers die größten Belastungen für die heimischen Betriebe. An der Spitze stehen zwar Kostenfaktoren und bürokratische Anforderungen, aber fast jeder zweite Betrieb (48 %) kämpft nach wie vor mit Arbeits- und Fachkräftemangel. Die demografische Entwicklung und die steigende Zahl von Schul- und Ausbildungsabbrüchen führen zu einer spürbaren Lücke am Arbeitsmarkt. Doch dieser Situation lässt sich wirksam begegnen: Neue Studien belegen, dass die Kombination aus psychologischer Diagnostik und individueller Berufsberatung der entscheidende Hebel ist, um Abbruchquoten in Betrieben und Schulen zu senken und potenzielle Fachkräfte von morgen zielsicher in die richtigen Unternehmen zu führen. Davon profitieren Jugendliche, Eltern und Unternehmen gleichermaßen.
Das aktuelle Konjunkturbarometer der WK Tirol zeigt, dass nach drei Jahren Rezession eine leichte Aufhellung in Sicht ist. Damit verbunden ist eine steigende Nachfrage nach engagierten Mitarbeiter:innen – vor allem im Handel, dem Dienstleistungssektor und dem Tourismus. Doch der Motor, der diesen Wohlstand antreibt – die qualifizierte Fachkraft –, wird zunehmend zur Mangelware. Während die Arbeitslosenquoten im Land auf einem Rekordtief verharren und die Beschäftigungszahlen Allzeithochs erreichen, steigt der Druck auf die Betriebe massiv. „In diesem „War for Talents“ kann es sich kein Unternehmer mehr leisten, Fehlbesetzungen zu riskieren. Besonders Lehrabbrüche kosten einen Betrieb nicht nur Nerven, sondern sind mit hohen finanziellen Kosten verbunden – vom Imageverlust ganz zu schweigen“, betont Andreas Zelger, Leiter der Berufs– und Personalberatung im Bildungsconsulting der WK Tirol.
Der Weg zum Perfect Match
Genau hier setzt die aktuelle Forschung zur Berufswahlkompetenz an und verdeutlicht: Der Weg zum „Perfect Match“ zwischen Bewerber:in und Betrieb führt nicht über das bloße Bauchgefühl oder einen schnellen Schnuppertag, sondern über valide, diagnostische Daten und eine fundierte, individuellen Berufsberatung - das ist die Kombination, die aus einem Beruf eine Berufung macht. Es geht nicht allein um die reine Auswahl und Stellenbesetzung, sondern vielmehr auch darum festzustellen, „wie ein Mensch tickt“ und wie man eine Person in weiterer Folge gezielt begleiten, fördern und entwickeln kann.
Viele Jugendliche stehen heute vor einem Paradoxon: Sie haben durch das Internet unendliche Informationsmöglichkeiten, fühlen sich aber bei der tatsächlichen Entscheidung so hilflos wie nie zuvor. Die Fülle an Informationen führt paradoxerweise zu mehr Unsicherheit. Reine Online-Tests, Werbebroschüren oder bunte Messestände bieten zwar eine erste Orientierung, führen aber laut Studienlage selten zu einer nachhaltigen, fundierten Entscheidung. Die Forschung zeigt eindeutig, dass die Kombination aus validen Testverfahren und persönlicher Beratung wesentlich bessere Ergebnisse liefert als die alleinige Suche im Netz oder automatisierte Standard-Tests. „Für die Tiroler Wirtschaft bedeutet das: Ein Jugendlicher, der lediglich „googelt“, was er werden will, ohne seine tatsächlichen Interessen, Berufsneigungen, Motive und Stärken zu kennen, ist ein statistisches Risiko für den Ausbildungsbetrieb. Und er geht natürlich auch ein hohes persönliches Risiko ein, dass seine Talente ungenutzt bleiben und der Beruf nicht die Zufriedenheit bietet, die möglich wäre“, betont Andreas Zelger.
Berufswahlkompetenz im Fokus
In diesem Zusammenhang spielt die so genannte Berufswahlkompetenz eine zentrale Rolle und bildet den wissenschaftlichen Anker in dieser Frage. Es geht darum, was einen Jugendlichen „fit“ für den modernen Arbeitsmarkt macht. Die Berufswahlkompetenz ist kein statischer Zustand, sondern ein Bündel aus Einstellungen, Fähigkeiten und Wissensbeständen, die es ermöglichen, den Übergang von der Schule in den Beruf aktiv und reflektiert zu gestalten. Kurz gesagt: Berufswahlkompetenz beschreibt die Fähigkeit, eine fundierte und reflektierte Entscheidung für Ausbildung und Beruf zu treffen Eine zentrale Erkenntnis ist besonders für Unternehmer alarmierend: Jugendliche, die zu Beginn ihres letzten Schuljahres eine niedrige Berufswahlkompetenz aufweisen, verbessern diese ohne gezielte, professionelle Intervention bis zum Schulabschluss kaum. Sie bleiben „orientierungslos“ im System. Das ist für sie persönlich und auch für den Arbeitsmarkt ein Problem.
Doch es gibt ein wirksames Gegenmittel: Professionelle Diagnostik, die nach anerkannten Qualitätsstandards wie der DIN 33430 arbeitet und mit einer individuellen, persönlichen Beratung kombiniert. Damit lassen sich diese Defizite nicht nur aufdecken, sondern es lässt sich gezielt gegensteuern.
Drei Hürden überspringen
„Die wissenschaftliche Literatur identifiziert drei Hauptbarrieren, die einer erfolgreichen Karriere im Wege stehen und die durch eine testbasierte Berufsberatung überwunden werden. Hier gilt es, punktgenau anzusetzen und Hürde für Hürde zu überspringen“, erklärt Andreas Zelger.
Hürde Nummer 1 ist der Mangel an Information: Hier fehlt es nicht an der Quantität, aber an der Qualität. Genau an diesem Punkt setzen die Expert:innen des Bildungsconsultings an: Diagnostik filtert das Wesentliche heraus, eine Beratung mit Berufswahlexpert:innen konkretisiert dies. Beratungsexpert:innen kennen zukunftsorientierte Berufe, den Arbeitsmarkt sowie den fachkräfteorientierten Berufsmarkt und bieten mit der Beratung Jugendlichen so einen perspektivischen Mehrwert für ihre Berufswahl.
Hürde Nummer 2 sind inkonsistente Informationen: Jugendliche erhalten oft widersprüchliche Signale von Eltern, Gleichaltrigen und Medien. Die Kombination aus Eignungsdiagnostik und Berufsberatung dient hier als maßgeblicher Leitfaden.
Hürde Nummer 3 besteht aus mangelnder Motivation und Entscheidungsangst: Wer nicht weiß, was er kann, entscheidet sich oft gar nicht oder falsch. Diagnostik stärkt die Selbstwirksamkeitserwartung. Jugendliche, die ihre Stärken schwarz auf weiß sehen, trauen sich anspruchsvolle Ausbildungen eher zu und ziehen diese auch bei Widerständen durch.
Der „Return on Investment“ für den Tiroler Mittelstand
Für Tiroler Familienbetriebe sind Nachwuchskräfte und insbesondere Lehrlinge die Leistungsträger:innen und Führungskräfte von übermorgen. Wenn ein Jugendlicher jedoch nur deshalb eine Lehre beginnt, weil „der Vater es auch gemacht hat“ oder „die Freunde denselben Weg gehen“, ist das Fundament brüchig. Analysen zeigen: Individualisierte Beratungsmaßnahmen sind deutlich wirksamer als allgemeine Orientierungsprogramme. Die Treffsicherheit steigt massiv, wenn die individuellen Stärken und Talente mit den Anforderungen des Betriebs abgeglichen werden. „Das ist auch für den Betrieb essenziell: Wenn Interessen, Neigungen und Fähigkeiten mit dem gewählten Beruf übereinstimmen, steigt die Arbeitszufriedenheit deutlich. Für Unternehmer entscheidend: Die Leistungskonstanz nimmt zu, Fehlzeiten sinken und Ausbildungsabbrüche werden seltener“, so Zelger.
Das Bildungsconsulting der Tiroler Wirtschaftskammer leistet mit 2.000 Beratungen jährlich bereits wertvolle Arbeit durch Potentialanalysen, die Talent-Card oder den Start-Check Lehre. Doch Studien und Forschungsergebnisse aus dem Bereich Eignungsdiagnostik sehen ein weitaus größeres Potenzial und noch tiefere Integration im Sinne einer flächendeckenden Akzeptanz diagnostischer Standards für Ausbildung, Beruf sowie Unternehmen. Ebenso sind die Eltern – oft selbst Unternehmer, die den Betrieb an die nächste Generation übergeben wollen – gefordert. Die Berufswahl ist heute kein einmaliges Ereignis mehr, sondern der Startpunkt einer lebenslangen Biographie. Wissenschaftlich fundierte Beratung nimmt den emotionalen Druck aus der Familie und ersetzt vage Hoffnungen durch einen klaren, faktenbasierten Fahrplan.
Fazit: Daten schlagen Raten
In der Tiroler Hotellerie, im Gewerbe und in der Spitzenindustrie wird Präzision großgeschrieben. Kein Hotelier baut einen Wellnessbereich ohne Plan, kein Tischler schneidet Holz ohne Riss. „Es ist an der Zeit, diese Präzision auch auf den Berufswahlprozess von Jugendlichen oder bei der Auswahl und Entwicklung von Mitarbeitenden anzuwenden“, unterstreicht der Bildungsexperte. Wissenschaftliche Berufswahldiagnostik ist kein akademischer Luxus, sondern ein hochwirksames Werkzeug der modernen Personalentwicklung. Wer heute in die valide und persönliche Beratung der Jugend investiert, sichert sich die Wettbewerbsfähigkeit von morgen. „In einem Land wie Tirol, das von Qualität, Leidenschaft und Innovation lebt, darf der wichtigste Erfolgsfaktor – der Mensch – nicht dem Zufall überlassen werden“, so Andreas Zelger abschließend.
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 46.