Der Fachkräftemangel bleibt eine der größten Herausforderungen für die heimische Wirtschaft (siehe Artikel auf Seite 20). Auch wenn Tirol im Bundesländervergleich weiterhin gut dasteht, zeigt sich klar: Viele Betriebe spüren den Mangel deutlich im Alltag. Offene Stellen bleiben unbesetzt, Aufträge verzögern sich, Betrieb stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Fest steht: Es braucht wirksame Antworten. „Eine davon liegt direkt vor uns – und viele Betriebe nutzen sie bereits: die duale Ausbildung. Die Lehre ist ein zentrales Instrument, um langfristig handlungsfähige Betriebe zu sichern. Ausbildung muss Chefsache bleiben“, betont der Fachkräftekoordinator der WK Tirol David Narr. Die in Ausarbeitung befindliche Fachkräftestrategie der Bundesregierung baut auf drei Säulen auf: Qualifizierung, Zuwanderung und die Stärkung der dualen Ausbildung. Alle drei sind notwendig, doch für die Tiroler Wirtschaft hat die Fachberufslehre eine besondere Bedeutung. Sie ist jener Bereich, in dem Betriebe selbst aktiv gestalten können – und auch müssen. Nachwuchsarbeit beginnt nicht erst bei der Lehrstellenbesetzung, sondern viel früher: bei der Berufsorientierung, bei Schulkooperationen und bei der Frage, wie attraktiv ein Betrieb für junge Menschen ist. Während Qualifizierungsmaßnahmen bestehende Potenziale heben und Zuwanderung punktuell Engpässe lindern kann, sorgt die Lehre für nachhaltige Stabilität. „Sie schafft genau jene Fachkräfte, die langfristig im Unternehmen bleiben und sich weiterentwickeln. Gerade deshalb ist sie ein zentraler Standortfaktor für Tirol“, ist David Narr überzeugt.
Die Stärken der dualen Ausbildung
Die duale Ausbildung verbindet das Beste aus zwei Welten: Lernen im Betrieb und Lernen in der Berufsschule. Für Unternehmen bedeutet das eine Ausbildung, die exakt auf ihre Anforderungen abgestimmt ist. Für junge Menschen eröffnet sich ein Weg, der früh Verantwortung, Einkommen und konkrete Perspektiven bietet.
„Für Betriebe ist die Ausbildung junger Menschen kein Kostenfaktor, sondern die nachhaltigste Investition in Qualität, Produktivität und unternehmerische Unabhängigkeit“, so Narr. Tatsächlich zeigt sich in vielen Branchen: Wer selbst ausbildet, sichert sich nicht nur Fachkräfte, sondern auch Know-how, Unternehmenskultur und Innovationskraft.
Wie wichtig die Lehre ist, merkt man dann, wenn niemand mehr verfügbar ist: wenn der Installateur keine Termine hat, die Elektrikerin ausgebucht ist und Baustellen stillstehen. Sanierungen dauern länger, Reparaturen bleiben liegen – und am Ende zahlen beide die Rechnung: die Betriebe verlieren Aufträge und Kund:innen die Nerven. Gerade in einem Land wie Tirol, wo Bau, Tourismus und Gewerbe eine zentrale Rolle spielen, liegt in der Verfügbarkeit von Fachkräften ein wichtiger Wirtschaftsmotor.
Gleichzeitig bietet die Lehre jungen Menschen enorme Chancen. Sie ist längst kein Einbahnstraßenmodell mehr, sondern ein flexibles Karrieresystem. Vom Lehrling zur Fachkraft, weiter zum Meister, bis hin zur Selbstständigkeit – dieser Weg ist gelebte Realität in vielen Tiroler Betrieben. Mit der Höheren Beruflichen Bildung entstehen zusätzliche Aufstiegsmöglichkeiten, die berufspraktische und akademische Bildungswege einander annähern. Auch Modelle wie „Lehre mit Matura“ oder die „Lehre nach der Matura“ zeigen, wie durchlässig das System geworden ist.
Ein weiterer Aspekt gewinnt zunehmend an Bedeutung: die Digitalisierung. Künstliche Intelligenz verändert viele Berufe, vor allem im Bürobereich. Handwerkliche Tätigkeiten hingegen bleiben gefragt. Eine KI kann Angebote schneller berechnen – aber sie montiert keine Wärmepumpe und repariert keinen Rohrbruch. Genau darin liegt eine große Stärke der Lehre. Sie vermittelt Fähigkeiten, die langfristig Bestand haben, und kombiniert sie mit digitalen Kompetenzen. Lehrlinge lernen heute, mit modernen Tools zu arbeiten – ohne dabei die handwerkliche Basis zu verlieren.
Auch ein Blick auf den Lehrstellenmarkt zeigt: Die Chancen stehen gut. In Tirol gibt es seit Jahren mehr offene Lehrstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Viele Betriebe würden sofort zusätzliche Lehrlinge aufnehmen – wenn sie geeignete Bewerberinnen und Bewerber finden würden. Das unterstreicht die Attraktivität der Lehre – aber auch die Notwendigkeit, junge Menschen noch gezielter dafür zu gewinnen.
Gutes besser machen
Damit die duale Ausbildung ihre Rolle als zentraler Standortfaktor voll ausspielen kann, braucht es klare politische und strukturelle Verbesserungen. Ein entscheidender Hebel ist die Berufsorientierung. „Wenn junge Menschen nicht wissen, wie modern und vielseitig die Lehre ist, können sie sich auch nicht bewusst dafür entscheiden. Genau hier müssen wir ansetzen“, sagt David Narr. Während Berufsorientierung in Mittelschulen bereits gut verankert ist, gibt es vor allem in der AHS-Unterstufe Aufholbedarf. Dort wird sie häufig nur „mitgedacht“, aber nicht systematisch vermittelt. Das führt dazu, dass viele Jugendliche gar nicht wissen, was ein Lehrberuf heute wirklich bietet – und sich daher oft automatisch für den schulischen Weg entscheiden. Deshalb braucht es eine klare Aufwertung der Berufsorientierung: als eigenes Fach, mit ausreichend Zeit, qualifizierten Lehrpersonen und praxisnahen Einblicken. Kooperationen mit Betrieben, Projekte wie Schnuppertage oder digitale Plattformen sind wichtige Bausteine – sie müssen jedoch flächendeckend und verbindlich umgesetzt werden. Ziel muss sein, dass alle Bildungswege gleichwertig dargestellt werden. Die Entscheidung für oder gegen eine Lehre darf nicht von Informationsdefiziten geprägt sein.
Eng damit verbunden ist die Stärkung der Polytechnischen Schulen. Sie sind eine wichtige Drehscheibe zwischen Schule und Betrieb, stehen aber unter Druck. Moderne Infrastruktur, gebündelte Standorte und eine klare bildungspolitische Strategie sind notwendig, um ihre Rolle langfristig zu sichern.
Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Finanzierung. Derzeit tragen Betriebe den Großteil der Ausbildungskosten, während akademische Bildungswege stark öffentlich finanziert werden. Diese Schieflage ist auf Dauer nicht tragbar. Wenn die Lehre politisch gewollt ist – und das ist sie laut Umfragen eindeutig –, dann muss sich das auch in der Mittelverteilung widerspiegeln. Es geht nicht darum, akademische Wege zu schwächen, sondern um faire Rahmenbedingungen für alle Ausbildungsformen. „Wir brauchen endlich Verbindlichkeit bei der Berufsorientierung, eine echte Aufwertung des Polytechnischen Systems und faire finanzielle Rahmenbedingungen – sonst reden wir am Problem vorbei“, bringt es der Fachkräftekoordinator auf den Punkt.
Die Rolle der WK Tirol
Die Wirtschaftskammer Tirol versteht sich als verlässlicher Partner der Lehrbetriebe. Sie setzt sich nicht nur für bessere Rahmenbedingungen ein, sondern unterstützt Unternehmen auch ganz konkret im Ausbildungsalltag. Von der Beratung über Förderinformationen bis hin zu Weiterbildungsangeboten für Lehrlinge und Ausbilder reicht das Spektrum der Leistungen. Diese Angebote werden von den Branchenvertretungen, der Bildungsabteilung, dem Bildungsconsulting und dem WIFI Tirol getragen – die nebenstehenden Fact Boxen geben einen Überblick. Sie zeigen, was Betriebe ganz konkret nutzen können – von der ersten Ausbildungsbewilligung bis zur Weiterbildung für Lehrlinge. „Unsere Aufgabe ist es, Ausbildung für Betriebe so einfach und wirksam wie möglich zu machen – mit konkreten Services, die im Alltag helfen und echte Entlastung bringen“, so Narr.
Fazit: Die duale Ausbildung ist ein zentraler Baustein für die Zukunft des Standorts Tirol. Sie sichert Fachkräfte, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und eröffnet jungen Menschen attraktive Perspektiven. Doch dieses System funktioniert nicht von selbst. Es braucht Engagement der Betriebe, klare politische Entscheidungen und ein gesellschaftliches Bewusstsein für den Wert der Lehre. „Lehre sichert Qualität, Versorgung und wirtschaftliche Stabilität – deshalb müssen wir jetzt handeln und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Wer heute nicht ausbildet, wird morgen keine Fachkräfte haben. So einfach ist die Rechnung“, betont David Narr abschließend.
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 40.