Noch mehr Absprachen, kompliziertere Dienstpläne, individuelle Sonderlösungen: Familienfreundlichkeit hat in vielen Betrieben den Ruf, zusätzliche Arbeit zu machen. Notwendig, aber aufwendig. Dabei lässt sich die Rechnung umdrehen. Wer Familie und Beruf besser vereinbar macht, kann Fachkräfte halten, Kompetenzen besser nutzen und sein Unternehmen weniger abhängig von Einzelpersonen machen.
Diesen Ansatz verfolgt Dorothea Paulowitsch. Die junge Unternehmerin hat sich als Organisationsentwicklerin selbstständig gemacht und weiß daher, welche Hebel in der Organisation für mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Verfügung stehen. Seit mehreren Jahren sind moderne Arbeitsmodelle, klare Kommunikation oder Transparenz fester Bestandteil ihrer Beratungspraxis. Für sie sind weniger einzelne Zugeständnisse entscheidend als Strukturen, die flexible Arbeit ermöglichen, ohne dass der Betrieb ins Stocken gerät. Gerade kleine und mittlere Unternehmen können davon profitieren.
Ein Potenzial, das oft ungenutzt bleibt
Der Fachkräftemangel ist trotz schwieriger Konjunktur nicht verschwunden. Im TOP Tirol Konjunkturbarometer der Wirtschaftskammer Tirol nennen 45 % der Betriebe nach wie vor den Arbeits- und Fachkräftemangel als Belastungsfaktor. Gleichzeitig bleiben berufliche Potenziale ungenutzt – insbesondere bei gut qualifizierten Frauen. In Österreich arbeitete 2025 fast jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit, bei Männern waren es rund 14 %. Der Tiroler Gleichstellungsbericht 2024 zeigt ein ähnliches Bild: 48 % der erwerbstätigen Frauen, aber nur 11 % der Männer arbeiteten Teilzeit. Eine Leitungsfunktion üben in Tirol 18 % der erwerbstätigen Frauen aus, bei Männern sind es 31 %.
Natürlich möchte oder kann nicht jede Teilzeitkraft mehr arbeiten. Aber wer wegen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen zeitlich eingeschränkt ist, bringt deshalb nicht weniger Qualifikation mit. Für Unternehmen lohnt sich also nicht nur die Suche nach neuen Fachkräften. Es lohnt sich auch die Frage, wie vorhandene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr von ihren Fähigkeiten einbringen können.
Flexibilität braucht Organisation
Mit freier Zeiteinteilung allein ist es nicht getan. Wenn Entscheidungen nur beim Chef liegen, Informationen im Vorbeigehen ausgetauscht werden und jede Aufgabe an einer einzigen Person hängt, wird schon eine kleine Änderung des Dienstplans zum Problem. Flexibilität wird dann zur Belastung – für die Führung ebenso wie für das Team. Paulowitschs Antwort darauf: „Vereinbarkeit nicht als individuelle Ausnahme, sondern als Unternehmensstrategie behandeln.“ Das muss keine großen Programme bedeuten. Oft geht es zunächst darum, Zuständigkeiten und Abläufe zu klären und Arbeit weniger von ständiger Anwesenheit abhängig zu machen. Die Vorteile sind sehr praktisch: Vertretungen funktionieren leichter, Entscheidungen bleiben nicht liegen und auch Beschäftigte mit reduzierter Arbeitszeit können Verantwortung übernehmen.
Vier Hebel für den Betriebsalltag
1. Verantwortung klar verteilen
In vielen kleinen Betrieben ist eingespielt, wer was macht. Doch bei Karenz, Teilzeit oder einem unerwarteten Ausfall zeigt sich, wie viel an Einzelpersonen hängt. Hilfreich sind klare Aufgabenprofile: Wer entscheidet? Wer bereitet etwas vor? Wer muss informiert werden? Und wer vertritt wen? Das erleichtert Delegation und Einarbeitung und schafft Spielraum für flexible Modelle. So kann etwa eine wichtige Entscheidung auch dann fallen, wenn die bisher zuständige Person einen freien Tag hat. Wesentlich ist die Verantwortung für ein Ergebnis – nicht die Zahl der Stunden im Büro.
2. Abläufe nachvollziehbar machen
Ein Auftrag kommt herein, ein Kunde hat eine Rückfrage. Wenn nur eine Person weiß, wie es weitergeht, kann ihre Abwesenheit alles aufhalten. Kurze Checklisten, festgehaltene Arbeitsschritte und klare Informationswege helfen. Es geht nicht um neue Bürokratie, sondern darum, dass auch andere die nötigen Informationen finden. Teilzeitkräfte dürfen Entscheidungen nicht deshalb verpassen, weil sie beim Gespräch am Nachmittag nicht dabei waren. Das erleichtert Vertretungen und verringert die Abhängigkeit von Einzelwissen.
3. Zusammenarbeit bewusst organisieren
Familienfreundlichkeit stößt an Grenzen, wenn alle nur ihre eigenen Aufgaben im Blick haben. Gemeinsame Ziele und verlässliche Übergaben helfen, unterschiedliche Anwesenheitszeiten zu überbrücken. Wissen und Kundenkontakte sollten im Team geteilt werden. Schon ein kurzer regelmäßiger Austausch über offene Aufträge und anstehende Entscheidungen kann helfen, den Überblick zu behalten. Das reduziert Reibungsverluste, kann die Mitarbeiterbindung stärken und macht einen Betrieb weniger anfällig, wenn jemand ausfällt oder das Unternehmen verlässt.
4. Führung auch in Teilzeit ermöglichen
Ein großes Potenzial liegt dort, wo Verantwortung noch immer mit Vollzeit und ständiger Verfügbarkeit gleichgesetzt wird. Warum sollte eine erfahrene Fachkraft keine Führungsaufgabe übernehmen können, nur weil sie nicht jeden Nachmittag im Betrieb ist? Nicht jede Position lässt sich teilen. Doch klar abgegrenzte Aufgaben, feste Führungszeiten, Stellvertretungen oder Tandemmodelle können helfen. Auch Projekte und Weiterbildungen sollten Teilzeitkräften offenstehen. Paulowitsch formuliert den Perspektivenwechsel so: „Nicht fragen, ob eine Frau in Teilzeit führen kann, sondern wie die Rolle organisiert werden muss, damit Führung in Teilzeit funktioniert.“
Klein anfangen statt alles umkrempeln
Dafür muss kein Betrieb seine gesamte Organisation neu erfinden. Besser ist es, bei einer konkreten Schwachstelle anzusetzen: Wo hakt es bei Vertretungen? Wo bleiben Entscheidungen liegen? Könnte jemand mehr Verantwortung übernehmen, wenn Aufgaben anders verteilt wären? Daraus lässt sich ein überschaubares Pilotprojekt entwickeln. Was funktioniert, wird ausgebaut; was nicht passt, wird angepasst. Einen möglichen Fahrplan dafür zeigt die untenstehende Infobox. Der Nutzen reicht weit über die Vereinbarkeit hinaus: Wenn Zuständigkeiten klar sind und Wissen geteilt wird, bleibt ein Betrieb auch bei Urlaub, Krankheit oder Personalwechseln handlungsfähig. Gleichzeitig können Mütter, Väter und Menschen mit Pflegeverantwortung ihre Fähigkeiten in unterschiedlichen Lebensphasen besser einbringen.
Familienfreundlichkeit und Leistung stehen damit nicht im Widerspruch – gute Organisation kann beides ermöglichen. „Klare Organisation macht Verantwortung übertragbar“, fasst Paulowitsch einen zentralen Gedanken zusammen. Darin liegt die wirtschaftliche Chance: Familienfreundlichkeit ist kein zusätzliches Paket, das Betriebe schultern müssen. Richtig angegangen, wird sie Teil der Lösung.
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 54.