Wenn Jugendliche auf einer Bühne ihre Geschäftsidee präsentieren, Produkte erklären und vor einer Jury auftreten, dann wirkt das auf den ersten Blick vielleicht nicht wie ein Teil des Unterrichts an einer Polytechnischen Schule. Und doch war genau das beim großen PTS-Skills-Tag am WIFI Bildungscampus Innsbruck zu sehen. Drei Junior Companies von Polytechnischen Schulen präsentierten dort erstmals ihre Projekte öffentlich – und machten sichtbar, wie gut Berufsorientierung und unternehmerisches Denken zusammenpassen.
Das Poly – die Schule der Praxis
Die Polytechnischen Schulen spielen innerhalb des Tiroler Bildungssystems für die Fachberufslehre eine zentrale Rolle. Rund 1.500 Jugendliche besuchen aktuell die 25 Standorte im Land. Für die große Mehrheit ist das Poly der direkte Schritt in Richtung Lehre: Rund 85 % wechseln danach in die duale Ausbildung. Damit ist die Polytechnische Schule die wichtigste Zubringerschule für die Fachberufslehre – und ein entscheidender Baustein für die Fachkräfte von morgen. Ihr besonderer Stellenwert liegt in der Praxisnähe. Berufsorientierung, Schnuppertage in Unternehmen und die Vertiefung in unterschiedlichen Fachbereichen geben Jugendlichen die Möglichkeit, Berufe kennenzulernen und wertvolle Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln.
Genau diese Nähe zur Wirtschaft macht das Poly auch zum idealen Ort für unternehmerisches Lernen. „Wie entsteht eine Geschäftsidee? Wie kalkuliert man Preise? Wie spricht man Kundinnen und Kunden an? Wie plant man Einnahmen und Ausgaben? Genau solche Fragen beantwortet die Junior Company nicht im Schulbuch, sondern direkt in der Praxis“, sagt Markus Abart, Geschäftsführer der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Tirol und Experte in der Berufsorientierung im Bildungsconsulting der Wirtschaftskammer Tirol. Viele Jugendliche, die nach einer Polytechnischen Schule erfolgreich eine Lehre absolvieren, gehen später selbst den Schritt in die Selbstständigkeit. Umso logischer ist es, die PTS noch stärker als unternehmerische Schule sichtbar zu machen.
Junior Company: Wirtschaft erleben
Das Programm Junior Company zeigt seit vielen Jahren, wie wirtschaftliche Bildung praxisnah funktionieren kann. Schüler:innen gründen dabei Unternehmen auf Zeit, entwickeln Produkte oder Dienstleistungen, organisieren Verkauf und Marketing und übernehmen Verantwortung im Team. Wirtschaft wird dabei nicht bloß erklärt – sie wird erlebt. Das Programm ist in Österreich seit 1995 etabliert und wird von Junior Achievement gemeinsam mit den Volkswirtschaftlichen Gesellschaften getragen. Allein im Schuljahr 2024/25 nahmen in Tirol 426 Jugendliche an 17 Schulen am Programm teil. Auch international sorgt Österreich regelmäßig für Aufmerksamkeit: 2023 holte ein österreichisches Team den Europameistertitel, 2024 den Vizeeuropameistertitel. „Die Junior Company schafft einen Rahmen, in dem Jugendliche Wirtschaft nicht theoretisch lernen, sondern selbst gestalten“, betont Markus Abart. Genau darin liege die besondere Stärke des Programms.
Junior Company für die Polytechnische Schule
Mit der eigens entwickelten Variante für Polytechnische Schulen wird dieses Erfolgsmodell nun gezielt an die Anforderungen der PTS angepasst. Denn die Rahmenbedingungen unterscheiden sich deutlich von anderen Schultypen: Das Schuljahr ist kompakt, die Berufsorientierung stark ausgeprägt und die Fachbereiche besonders vielfältig. Genau deshalb wurde eine Lösung entwickelt, die sich sinnvoll und ohne zusätzliche Belastung in den Schulalltag integrieren lässt.
Die Jugendlichen gründen dabei echte Unternehmen, entwickeln Produkte oder Dienstleistungen und durchlaufen den gesamten Weg von der Idee bis zum Verkauf. Sie beschäftigen sich mit Werbung, Kund:innenkontakt, Preisgestaltung oder Materialeinsatz und erleben unmittelbar, wie wirtschaftliche Abläufe funktionieren. Besonders wichtig ist dabei der starke Praxisbezug. Viele Projekte entstehen direkt aus den Fachbereichen der Schulen heraus – etwa aus handwerklichen, technischen oder kreativen Schwerpunkten. Dadurch bleibt die Junior Company eng mit der Lebensrealität und den Interessen der Jugendlichen verbunden. Die erste öffentliche Präsentation beim PTSSkills- Tag Ende April hat gezeigt, wie groß die Motivation und das Potenzial der Jugendlichen sind. Die Schülerinnen und Schüler präsentierten ihre Ideen selbstbewusst vor Publikum und Jury und machten deutlich, dass wirtschaftliches Denken keineswegs nur Theorie sein muss. „Die Polytechnische Schule bildet nicht nur junge Menschen für den Einstieg in die Arbeitswelt aus“, sagt Markus Abart. „Sie kann auch unternehmerisches Denken, Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein gezielt stärken.“ Genau das sei heute wichtiger denn je – sowohl für die Jugendlichen selbst als auch für die Betriebe.
Gesamtpaket für die Schulen
Damit die Einführung der Junior Company an den Polytechnischen Schulen möglichst praxisnah gelingt, stellt die Volkswirtschaftliche Gesellschaft Tirol mit Beginn des neuen Schuljahres ein umfassendes Unterstützungspaket zur Verfügung. Entwickelt wird dieses gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Schule und Wirtschaft. Ein zentraler Bestandteil sind praxisnahe Lehr- und Lernmaterialien, die speziell für die Anforderungen der PTS entwickelt werden – von Lehrpersonen für Lehrpersonen. Die Unterlagen decken sämtliche Fachbereiche ab, auch technische Schwerpunkte, und lassen sich direkt im Unterricht einsetzen. Ergänzt wird das Angebot durch gezielte Fortbildungen für Lehrkräfte. Workshops zu Themen wie Verkaufsgespräche, Business Lean Canvas oder digitale Werkzeuge sollen sicherstellen, dass wirtschaftliche Inhalte praxisorientiert und eigenständig vermittelt werden können.
Besonders wertvoll ist zudem der direkte Kontakt zur Wirtschaft. Unternehmerinnen, Unternehmer und Fachkräfte kommen über einen eigenen Trainer:innen-Pool an die Schulen und geben Einblicke in die Praxis – von der Ideenfindung bis zum Marketing. Gerade Vorbilder, deren eigener Werdegang jenem der Jugendlichen ähnelt, können dabei eine wichtige Motivation sein. Auch finanziell werden die Schulen unterstützt. Über einen eigenen PTS-Bonus können Schulen Zuschüsse von bis zu 3.000 Euro für Ausstattung beantragen, die sowohl für die Junior Company als auch dauerhaft im Unterricht genutzt werden kann. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, das notwendige Startkapital für die Junior Company als Darlehen bereitzustellen, sodass keine finanzielle Beteiligung der Familien erforderlich ist. Ermöglicht wird das Pilotprojekt durch die Förderung der Stiftung Auxilium Pro Tirol. Mittelfristig sollen 6 bis 8 Schulen teilnehmen, langfristig soll das Modell an allen Tiroler Polytechnischen Schulen etabliert werden.
Boost für den Fachkräfte-Nachwuchs
Die Junior Company ist weit mehr als ein zusätzliches Schulprojekt. Sie stärkt Fähigkeiten, die in der Arbeitswelt zunehmend gefragt sind: Eigenverantwortung, Kommunikationsfähigkeit, Teamarbeit, Problemlösungskompetenz und wirtschaftliches Denken. Davon profitieren nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch die Betriebe. Lehrunternehmen suchen heute junge Menschen, die mitdenken, Verantwortung übernehmen und Initiative zeigen. Genau diese Kompetenzen werden durch unternehmerisches Lernen gefördert. „Wer heute in die unternehmerische Bildung an der PTS investiert, stärkt morgen die Qualität der Lehrlingsausbildung und damit den Wirtschaftsstandort Tirol insgesamt“, sagt Markus Abart.
Zwei Modelle, ein Ziel
Das Poly und die Junior Company verfolgen letztlich dieselbe Grundidee: Jugendliche möglichst praxisnah auf ihre Zukunft vorzubereiten. Das Poly schafft Orientierung und eröffnet Wege in die Berufswelt. Die Junior Company ergänzt dieses Fundament um unternehmerisches Denken und wirtschaftliche Erfahrung. Die Verbindung beider Modelle zeigt, wie moderne Berufsorientierung aussehen kann: praxisnah, motivierend und eng an der Realität der Arbeitswelt orientiert. „Wer jungen Menschen früh Verantwortung zutraut, stärkt nicht nur ihre persönliche Entwicklung, sondern investiert gleichzeitig in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Tirol“, ist Markus Abart überzeugt.
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 46.